Bildungszentrum Kenyongasse
Schwestern vom göttlichen Erlöser

02.03.2015

"Für alle Menschen da sein!"

Ein Interview mit Schwester Judith über ihr Leben im Kloster, über die Ordensgründerin Alfons Maria, und den Geist, der heute noch in der Schule spürbar ist.

Können Sie uns etwas über das Leben im Kloster erzählen?

In einigen Punkten unterscheidet sich das Leben im Kloster von einem "normalen" sicher, in einigen wiederum weniger. Man isst Frühstück, Mittag und Abendessen wie andere Leute, vielleicht etwas regelmäßiger, aber nachdem viele von uns im Beruf stehen, einige auch hier an der Schule, ist das eigentlich auch nicht immer so regelmäßig.

Was uns im Tagesablauf natürlich schon unterscheidet ist, dass wir zeitig in der Früh eine Eucharistiefeier haben. Wir feiern von Montag bis Freitag jeden Tag um fünf vor sechs eine Messe! ... Wobei das Aufstehen um viertel sechs im Vergleich zu anderen Leuten auch wieder nicht so extrem ist.

Wir beginnen den Tag sehr meditativ mit Liedern und mit Gebeten und dann gehen wir zum Frühstück. Ich finde, das ist eigentlich ein ganz guter Tageseinstieg, auch wenn das sehr viele Leute natürlich nicht machen.

Aber auch wir schauen uns am Abend die Nachrichten im Fernsehen an, wir wollen schließlich auch am Laufenden sein.

Warum sind sie ins Kloster gegangen?

Ich bin hier gelandet, weil die Schwestern in meinem Heimatdorf in Niederösterreich im Kindergarten waren. Dadurch bin ich letztlich hierhergekommen. Sonst hätte ich dieses Haus wahrscheinlich gar nicht gekannt.

Ich war im Gymnasium in Stockerau, habe dann Geschichte und Kunsterziehung studiert. Am Ende des Studiums bin ich an diese Schule gekommen und begann mit meiner Aufgabe als Lehrerin.

Das war sicher eine Veränderung. Aber bei der Familie war ich schon während des Studiums nur mehr an Wochenenden und in Ferienzeiten. Am Anfang des Studiums hatte ich schon ein bisschen Heimweh, es war natürlich eine Umstellung, als ich allein in Wien wohnte Der Klosteralltag war anders als alles, was vorher war. Obwohl ich schon als Studentin oft in die Messe gegangen bin, weil mir das wichtig war.

Es war schon anders... aber ich wollte das auch sehr gerne und es hat mich sehr gefreut, dass es so war.

Und jetzt bin ich schon 40 Jahre hier an der Schule, bin mittlerweile in Pension als Lehrerin, aber immer noch aktiv im Kloster und in der Schulleitung tätig.

Und hat sich das Leben im Kloster in den 40 Jahren hier stark verändert?

Ich war immer hier im Haus und dadurch hat sich der Tagesablauf für mich nicht sehr verändert, obwohl wir in den letzten Jahren in der Gemeinschaft das Leben anders gestaltet haben. Das geht ein wenig nach unseren Wünschen, das können wir uns freier einteilen.

Die Gründung des Ordens liegt ja schon lange zurück. Was können sie uns über die Gründung und die Gründerin Alfons Maria berichten?

Sie war vor kurzem im Mittelpunkt, weil man ihren 200. Geburtstag feierte. Sie wurde am 9. September 1814 im nördlichen Elsass geboren. Elsass ist ein westlicher Teil von Frankreich, Niederbronn liegt im Norden fast schon an der Grenze zu Deutschland. Das Elsass hat manchmal zu Deutschland und manchmal zu Frankreich gehört. Es war eine Gegend mit vielen politischen Spannungen, wo es immer wieder Krieg zwischen Frankreich und Deutschland gab, besonders im 1. und 2. Weltkrieg waren dort schlimme Schlachtfelder.

Alfons Maria hieß eigentlich Elisabeth. Sie wurde in Bad Niederbronn geboren, ein Badeort mit einer Heilquelle. Dann begann die Industrialisierung. Viele Leute, die in einer Fabrik arbeiten wollten, sind auch nach Niederbronn gezogen und viele gerieten in Armut. Es gab keine geregelten Arbeitszeiten und keine Krankenkasse. Elisabeth hat von Anfang an den harten Alltag der Menschen kennengelernt.

Sie war die älteste von 11 Kindern. Sie musste sehr hart arbeiten. Sie hatte sehr wenig Zeit für die Schule, weil sie immer mithelfen und auf ihre 10 Geschwister aufpassen musste. Leider wurde sie öfter krank. Sie wollte ins Kloster gehen, weil sie sehr religiös war und es ihr auch sehr wichtig war, so oft wie möglich in der Kirche zu sein.

Der Pfarrer von Niederbronn, Johann David Reichard, hat sie immer unterstützt. Viele Menschen sind zu ihr gekommen. Wenn es jemandem schlecht ging, wusste sie die richtigen Worte, um ihn aufzumuntern. Es kamen immer mehr Leute, sodass es sogar ein Problem für die Familie wurde! Der Bischof sagte, dass sie nicht in ein Kloster soll, weil sie weiterhin für die Menschen da sein soll. So kam sie auf die Idee, dass sie mit einigen Freundinnen eine Gemeinschaft gründen könnte. Genau das machten sie auch. Der Sinn der gesamten Sache war, dass sie sich um alle Menschen, denen es nicht gut ging, kümmern konnten. So hat alles begonnen.

Diese Schwestern waren sehr einsatzfreudig und haben vielen Menschen geholfen. Meistens halfen sie kranken Menschen, Frauen, die ein Kind bekamen, alten Leuten und Kindern, die kein Zuhause oder keine Eltern hatten.

Ein paar Jahre, nachdem sie begonnen hatten, ist die Choleraepidemie ausgebrochen und die Schwestern haben sich trotz der Krankheit um die Menschen gekümmert. Einige junge Schwestern sind durch diese Pflege gestorben. Die Schwestern wurden sehr bekannt, sogar bis nach München und Wien. Dann kamen die Schwestern sogar nach Wien und kümmerten sich um Kinder, die kein Zuhause hatten.

Ist die Arbeit der Schwestern heute immer noch wichtig?

Früher kümmerten sich die Schwestern um die Kranken, um Waisenkinder, oder Frauen, die Kinder bekommen. Dies übernehmen heute natürlich das Spital und das Sozialsystem des Staates, das viel besser geworden ist. Heutzutage sind diese Aufgaben für die Schwestern nicht mehr so wichtig. Derzeit sind es die sozialen Nöte, um die sich die Schwestern kümmern wollen.

In unserer Schule ist es deshalb auch sehr wichtig, dass man offen zueinander ist. Kinder, die besondere Hilfe brauchen, sollen diese bekommen. Kinder, die niemanden haben, bekommen neue Freunde durch die Schwestern.

Ein paar Mitschwestern kümmern sich um Leute, die keine Wohnung haben. In dieser Schule gibt es ein Mittagessen für arme Leute. Jeden Tag (Montag bis Freitag) kommen zirka 40 bis 60 arme Leute zum Essen.

Es gibt auch Mitschwestern in Indien und in Afrika, die sich um arme Leute kümmern. Sie bringen zum Beispiel Leuten in Afrika bei, wie man kocht oder Rollenspiele, bei denen gezeigt wird, dass Frauen Rechte haben und sich durchsetzen können. Das ist in vielen Gebieten nicht selbstverständlich.

In Südamerika wiederum betreiben die Schwestern zwei Schulen, eine davon für ganz arme Kinder. Viele Kinder besuchen diese, sind dort aufgehoben, lernen dort und bekommen zu essen.

Wie war das hier an dieser Schule?

Eine Gräfin von Fries im 15. Bezirk hat einen Brief nach Niederbronn geschickt, weil sie Schwestern für Waisenkinder suchte. Mutter Alfons Maria hat daraufhin fünf Schwestern nach Wien geschickt. Das war 1857.

Die Schwestern kamen zuerst in den 15. Bezirk, wo sie Straßenkinder unterstützt haben. Mithilfe der Schwestern konnten diese überleben. Da die Zahl der Kinder zunahm, brauchten die Schwestern ein größeres, und so kamen sie hierher in den 7. Wiener Gemeindebezirk.

Als die Kinder größer wurden, wollten die Schwestern - sie hatten die Kinder ja sehr gern - diese auch selbst unterrichten. Deswegen machten einige der Schwestern eine Lehrbefähigungsprüfung. Sie haben von der Stadt Wien die Erlaubnis bekommen, eine Klasse zu eröffnen. Es wurden aber immer mehr Kinder, sodass irgendwann eine Bürgerschule entstand. Später wurde dann auch der Kindergarten und schließlich eine LehrerInnenbildungsanstalt gegründet. 1926 ist das Gymnasium und 1928 die Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik dazugekommen.

Was hat die Schule heute noch mit der Ordensgründerin Alfons Maria zu tun? Wie ist der "Geist" von Mutter Alfons Maria heute noch in der Schule spürbar?

In Niederbronn gab es katholische und evangelische Christen. Diese teilten sich eine Kirche und respektierten einander. Mutter Alfons Maria war das ganz wichtig. Ihre Worte waren: "Ich will für alle Menschen da sein! Egal, welcher Religion sie angehören. Alle sind gleich. Und wir sind auch für alle da!"
Das war und ist für uns alle sehr wichtig. Mutter Alfons Maria hat gespürt, dass Gott alle Menschen liebt und sie wollte diese Liebe weitergeben. Deswegen ist es in dieser Schule wichtig, dass alle Respekt zueinander haben und sich mit diesem Respekt behandeln.

von Sabrina Hippe & Anna Holzer (1C)